home | sitemap | contact



Exit Music - September 2004



"Brechtsches Punk Cabaret" haben die Dresden Dolls als Bezeichnung für ihr selbstbetiteltes Debütalbum gewählt. Kurt Weill meets Gothic und vereint sich mit Weimarer Kabarett. Unmöglich? Die Dresden Dolls beweisen das Gegenteil und verwirklichen mit ihrem Debüt das Unvorstellbare.
by Magdalena Oehen

Die Dresden Dolls haben ein Flair dafür, von einem Extrem ins andere zu stürzen. Diese Tendenz fängt beim Namen an - Dresden ist gleichzeitig bekannt für die dort fabrizierten, delikaten Porzellan-Puppen sowie seine tragische Rolle im Zweiten Weltkrieg -, setzt sich in ihrer Musik und den Lyrics fort, wo Kinderreim-Melodien mit leidenschaftlichen Texten über Liebe, emotionale Instabilität und sexuelle Verwirrung gepaart werden, und wird schliesslich in ihrer theatralischen Performancekunst und Amanda Palmers Gesang verdeutlicht: Amandas rasend wildes Klavierspiel und ihr Gesang, der oft leise flüsternd im nächsten Moment zum einschüchternden Geheul verkommt, werden von Brian Vigliones ekstatischen Drums vorwärts getrieben, das Theatralische wird abgerundet mit weisser Theaterschminke und Kostümen, die Unschuld und Erotik zugleich ausstrahlen.

Auf ihrem Debütalbum vereint das Bostoner Duo avantgardistische Rock-Klänge mit charakteristischen Elementen der klassischen Weimarer-Ära. Die Instrumentierung besteht hauptsächlich aus Amanda Palmers virtuosem Klavierspiel und Brian Vigliones furios-ekstatischer Perkussion, obwohl hie und da Gastauftritte dezenter Streicher und Gitarren zu hören sind. Die Stimmung der Songs schwankt zwischen wütenden Gefühlsausbrüchen ("Girl Anachronism"), spöttischen Zirkus-Melodien ("Coin-Operated Boy") und hübscher Nostalgik ("The Jeep Song"). Ebenso breit gefächert sind die Themen, die in Amanda Palmers Songwriting zur Sprache kommen - Schizophrenie, verflossene Liebhaber und Selbstverstümmelung sind nur einige davon. Die tragikomisch und beizeiten fast abstrusen Lyrics werden zwar ehrlich und emotional vorgetragen, aber nicht ohne ein schelmisch-ironisches Zwinkern seitens der Dresden Dolls.

Die Dresden Dolls stellen emotionale Ehrlichkeit in den Mittelpunkt ihres Debütalbums und fordern die Empfindungen und Sichtweise der Zuhörer heraus. Das Album ist ein Stück Kunst, das ernst und lustig, tröstend und verstörend, imposant und verletzlich zugleich ist. Das Paradoxe und Komplexe gehört zu den Dresden Dolls und garantiert ihnen eine grosse Zukunft; ein neues Album ist für diesen Sommer geplant und man darf sich mit berechtigtem Enthusiasmus darauf freuen.