home | sitemap | contact


Bubblehouse.de - March 3, 2005


Dresden Dolls: Star Club / Dresden, Germany (03/03/05)
von Stephan Strauch

Eine regionale Tageszeitung verpackte ihre Konzertankündigung originellerweise in einen Fragenkatalog: Überwiegt die Antwort "Nein" - wegbleiben! Und wer will schon zu Brecht tanzen, wem ist Kurt Weill Vorbild, wer will Punk mit Cabaret vereinen, Gesang mit Piano und Schlagzeug kombinieren, die künstlerische Freiheit der Goldenen Zwanziger inhalieren? Also doch hingehen!
Das Bostoner Duo "The Dresden Dolls" stellten sich erstmals in der Stadt vor, der sie ihren Namen entleihen. Selbiger fasziniere sie in seiner Gegensätzlichkeit: Dresden, assoziiert mit den Bombenangriffen 1945, symbolisiere Aggression und Zerstörung. Puppen stehen für Zartheit und Verletzbarkeit.

Die Briten "M.A.S.S." warben im Vorprogramm lautstark für ihr Debütalbum "Revolution" und bedankten sich artig bei Publikum und den Stars des Abends, die nach langer Umbaupause umjubelt die Bühne betraten: Amanda Palmer (Piano/Vox) im kurzen Schwarzen und schwarz-weiß-gestreiftem Beinkleid, Brian Viglione (Drums) als Chaplins Tramp mit Melone und weiß geschminktem Gesicht. Der Opener ihres ersten und einzigen Albums (ebenfalls "The Dresden Dolls") eröffnete auch neunzig umwerfende Konzertminuten.
Ein melodischer Einstieg am Piano, keusche Zeilen, sanfte Stimme, ein zarter (und einziger) Akkord auf der Akustikgitarre ... doch schon nach wenigen Sekunden prügelte Brian auf sein Schlagzeug ein, als sei noch viel zu tun, Amanda spreizte ihre Beine unterm Piano, sodass, nachdem ihre volle Mannsbildstimme aufröhrte, insbesondere dem männlichen Publikum vor Erstaunen Hören und Sehen verging.

Ein kraftvoller Song folgte dem nächsten, Experimentierfreude, schleunige Tempowechsel, zerhacktes Gefrickel, Melodisches und bassig Rhythmisches am Piano und krachende Drumsoli gaben mächtig was auf die Ohren. Amandas Stimme kehlte rauchig und doch klar, kräftig und verletzlich zugleich zur Verzückung der Zuhörer, die spätestens bei der einzigen Single "Coin-operated Boy" alle Hemmungen ablegten, jede Gesangseinlage und jedes neuerliche Drumgeprügel bejohlten.
Einige mutige Zeitgenossen hatten sich zünftig kabarettistisch eingekleidet: Zylinder, Melone, Frack. Nicht von ungefähr bezeichnen sich "The Dresden Dolls" selbst als ...brechtian punk cabaret... in verrauchten Kellern der Weimar-Ära, kombiniert mit dem Rock'n'Roll der Violent Femmes oder einer PJ Harvey: doch viel zu energiegeladen, um Kabarett und zu viel Kabarett, um Rock'n'Roll zu sein.

Der Kabarett-Anteil offenbarte sich nicht einzig an der Kostümierung der beiden, sondern vor allem an Amandas regelrecht theatralischer Darbietung der Songs - insbesondere eines traurigen, aber umso gewaltigeren Trinkliedes ("Alle Trinklieder sind traurige Lieder!") aus einem Amsterdamer Pub - sowie Brians pantomimischem Minenspiel trotz Schwerstarbeit am Schlagzeug. "Missed Me" und "Bad Habbit" vermischten zudem Weill, Tucholsky und Brecht und ließen das Publikum zuckeln und hüpfeln.

Reges Gespräch mit dem Publikum suchend, betonte Amanda wieder und wieder, wie aufregend es sei, endlich in Dresden zu spielen. Es mutete wenig einstudiert an, umso besser. Ein obligater Anti-George W. Bush-Song ("...er reist unserer Europatour nach...ist wohl aber schon wieder auf seiner Ranch in Texas und macht dort das, was alle da machen: Kühe ficken!") durfte nicht fehlen und machte das Publikum noch glücklicher. Als dann ein Song auf Deutsch gesungen wurde, waren alle selig im bunten Zuschauergemisch aus Semikünstlern, Erstsemestlern, Teenie-Punks und Neugierigen.
Zur Zugabe musste die Band dann auch nicht lange mit lautstarkem Hufgescharre gebeten werden, und nochmals erklang Amandas Kraft einflößender Gesang und auf Publikumswunsch "The Jeep Song" zum Mitsingen nebst einem hammerhart-treibenden Instrumentalstück.
Spielen "The Dresden Dolls" in eurer Stadt, so seht euch das an, seht euch das unbedingt an!