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Exit Music - September 2004


Interview mit The Dresden Dolls

Wir trafen die aussergewöhnlichen Dresden Dolls, bestehend aus Amanda Palmer und Brian Viglione, vor ihrem Konzert im Gaswerk Winterthur zu Kaffee und Tee. Bekannt für ihre eigenwillige Art, wurden wir vorgewarnt, "keine plumpen Fragen" zu stellen. Das mulmige Gefühl wuchs mit der Inspektion der Dresden Dolls-Webseite und so begaben wir uns ängstlich zum Gaswerk. Und fanden zwei ganz nette, aufmerksame, grossartige und intelligente Gesprächspartner vor.

Ivana Leisder: Hallo Brian, hallo Amanda. Wie geht's euch so?
A: Gut.

Seid ihr nervös wegen heute Abend?
A: Nein. (lacht)

Echt nicht?
A: Nein, nicht wirklich... Ich habe vor einigen Jahren aufgehört, nervös zu sein. (lacht)

Wie war die Tour bis jetzt?
A: Oh, es war toll! Wir hatten viele Sold-Out-Shows. Eine echte Überraschung war Wien - das Konzert war mit 700 Leuten ausverkauft! Also ja, wir sind recht glücklich und freuen uns darüber, dass die Band überall so viel Aufmerksamkeit bekommt.

Ja, das ist wirklich grossartig. Um über eure Musik zu sprechen: Sie wird umschrieben als "Brechtian Punk Cabaret". Ist dieser Begriff eure eigene Erfindung oder sehen es die Hörer so?
A: Nein, ich glaube nicht, dass so ein Begriff irgendjemand anderes erfinden könnte als ich. (lacht).

Könnt ihr uns sagen, wo denn Brechts V-Effekt überall in eurer Musik zum Zuge kommt?
B: Ah, wir riechen grässlich auf der Bühne!
A: (lacht) Der V-Effekt ist eigentlich nicht das, was uns an Brecht fasziniert, sondern eher die ganze Szene, allen voran Kurt Weill. Eigentlich ist es recht ironisch, denn wir versuchen genau das Gegenteil von Brecht zu erzeugen und wollen das Publikum emotional in unsere Performance einbinden. Aber wo ich jedoch mit Brecht und Weill eine Gemeinsamkeit sehe, ist, dass es meiner Meinung nach in den Songs keine Sentimentalität geben sollte. Ich meine, die heutige Musik ertrinkt ja beinahe in Sentimentalität.

Wann seid ihr zum ersten Mal mit Brecht in Berührung gekommen? Amanda, du hast ja ein Jahr in Deutschland gelebt - hatte dieser Aufenthalt eine grosse Auswirkung auf dich?
A: Hhm, mein Aufenthalt in Deutschland hat mich eigentlich nicht gross beeinflusst. All diese Dinge waren bereits geschehen, bevor ich nach Deutschland kam. Ich entdeckte Brecht und Kurt Weill, als ich 16 war und begann mich dann für's Theater zu interessieren. Und na ja, weisst du, wenn man in Regensburg wohnt, wohnt man nicht gerade in Berlin... Ich lebte in dieser klitzekleinen bayrischen Stadt und lernte halt andere Dinge wie z.B. die Sprache und erfuhr viel übers Bier.

Sprichst du deutsch?
A: Yeah.

Wow, das ist eine ziemlich schwierige Sprache.
A: Eigentlich nicht. Wir haben gerade mit den anderen darüber gesprochen. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir ein musikalisches Gehör haben und die Aussprache besser hören und Dialekte besser annehmen können.

Ja, wer weiss. Eure Musik wird als Kunst betrachtet. Was denkt ihr, ist der Zweck von Kunst? Oder zumindest EURER Kunst?
A: Hhm, na ja, ich denke, der Zweck ist, die eigenen Gefühle auszudrücken, die Gedanken zu verarbeiten und die eigene Meinung mit anderen Leuten zu teilen. Und Kunst ist in dieser Funktion recht akzeptiert - also das ist meine Theorie (lacht). Und es hat auch etwas mit Glück zu tun: Wenn du in eine Familie oder Kultur geboren wirst, in der keine Toleranz und Akzeptanz herrscht, um sich als Künstler weiterzuentwickeln, kann man wirklich sehr unglücklich werden mit irgendeinem bullshit Bürojob - man will sich andauernd ausdrücken und die Leute um einen herum sagen einem, man sei verrückt und dann beginnt man, jenste psychologische Probleme auszuloten. (lacht)

Na ja, weisst du, die meisten Leute haben keine Wahl...
A: Ja, und das ist es ja. Brian und ich können uns wirklich sehr glücklich schätzen, dass uns unsere Eltern von Anfang an unterstützt haben. Wenn wir dies nicht gehabt hätten, hätte ich viel mehr Schwierigkeiten in meinem Leben gehabt, viel mehr zu kämpfen.
B: Ja, wenn man an sich selbst zweifelt, kann das eines der unangenehmsten Gefühle überhaupt sein. Man hat soeben das College beendet und fragt sich (er erhebt und verstellt die Stimme): "Wer bin ich?!?! Was mache ich jetzt?!?! Meine Eltern wollen, dass ich das mache, aber ich will jenes!!! Was mache ich jetzt?!!"

Ja, ja, das kennen wir.
B: Ja, es ist wirklich nicht einfach.

In der Tat nicht. Es ist sogar sehr schwierig, seinen eigenen Weg zu gehen. Aber na ja, was soll man machen...
B: Nun ja, DAS hier!

(lacht) Na ja, ihr seid wahnsinnig talentierte Leute...
B: Ja, aber dann hol' dir Hilfe. Wenn du deine Talente nicht selber zum Ausdruck bringen kannst, suche dir Leute, die dir helfen können. Eines der schönsten Dinge, die wir von den Fans mitbekommen, ist, dass viele von ihnen sich zu uns hingezogen fühlen, da sie sich durch das Hören der Musik irgendwie selber definieren können und dieselben Ansichten teilen. Na ja, nicht in einem grossen Sinne, es gibt ja sowieso keinen Individualismus, da wir alle voneinander borgen, aber solange man inneren Frieden hat.. Und weisst du, hey, DU sitzt jetzt hier - viele Leute werden mit dem Alltag nicht fertig, da sie so zu kämpfen haben. Das ist nicht selbstverständlich.
A: Ich kenne ein paar sehr künstlerische Leute, die zwar nicht Künstler sind, aber ihre Arbeit künstlerisch und mit einem gewissen Seelenfrieden angehen. Und darum geht's nämlich, denke ich.

Ja, das ist wahr. Um noch einmal auf eure Songs zurückzukommen: Einige Lyrics sind sehr schwer zu verstehen und recht rätselhaft. Könnt ihr uns sagen, was die Botschaft hinter den Songs ist?
A: (lacht) Na ja, nenne mir einen Song.

Na ja, ich denke da zum Beispiel an Songs wie "Slide". Gibt es eigentlich autobiographische Züge in deinen Liedern?
A: Ah, ja, das auf jeden Fall. Aber na ja, jeder Song ist anders. Ich denke, einige sind sogar sehr einfach zu verstehen, wie z.B. "The Jeep Song" oder "Missed Me". Und dann wiederum gibt es schwierigere Tracks wie "Gravity"...

...oder "Half Jack".
A: Genau, "Half Jack". Diese Songs haben dann eine eher vage Poesie an sich. Aber es kommt von Song zu Song darauf an. "Slide" erachte ich eigentlich als einer der einfacheren Songs... Es ist einfach eine Metapher dafür, dass ein Mädchen ihre Unschuld verliert. Und eigentlich gibt es keine grossartige Bedeutung dahinter. ABER, für mich, als ich den Song mit 15 schrieb...

15? Wirklich?
Yeah. Es war einer der ersten Songs, die ich geschrieben hatte und auf den ich sehr, sehr stolz war.

Berechtigterweise.
Alle anderen Songs auf dem Album habe ich in meinen Twenties geschrieben und ich hatte das Gefühl, dass "Slide" selbst 10 Jahre später, als wir das Album aufnahmen, immer noch gut genug wäre.

Ja, das ist es in der Tat! Wow... Zu einem anderen Song: "Truce" verströmt eine sehr na ja.... anti-amerikanische Haltung...
B: HAHA!! Du denkst wohl eher "anti-wir"!!

Nein, nein, das habe ich nicht gemeint (lacht).
B: Ja, ja, war nur ein Witz. Hehe.

Worauf ich eher hinaus will: Was haltet ihr von der amerikanischen Politik und eurem Präsidenten?
A: Na ja, es gibt ein paar Zeilen im Song, die ich als Metaphern benutze. Es geht ja um die Beziehung zweier Leute, die in die Brüche ging. Und ich übernehme die Rolle der Figur, die so verbittert und so unwillig ist, zu verhandeln und da denkt man natürlich an Amerika.

Wie ist die Rollenverteilung in eurer Band? Wie läuft das ab bei den Aufnahmen oder bei den Auftritten? Wer gibt die Inputs, wer ist der Boss?
A: Oh-oh. (lacht)
B: Hhm, nun ja, ich würde sagen, dass wirklich Amanda diejenige ist, die die Führung übernimmt. Dies hängt mit dem Umstand zusammen, dass wir zwei grundverschiedene Personen sind. Amanda ist eher die Initiatorin, während dem ich von Natur aus ein Kollaborator bin, der schon seine eigenen Ideen hat, aber sie anderen Leuten anpasst. Dies gilt auch für das Entstehen der Songs. Amanda bringt jeweils neue Songs zu den Proben, die in Sachen Arrangement, Refrain und Strophen eigentlich schon fertig sind und indem wir sie dann proben und spielen, verbessern wir die Songs zusammen. Und was die Aufnahmen betrifft, wird es diesmal wohl anders werden. Beim Debütalbum brachte Amanda ihre Songs mit, die sie schon ihr ganzes Leben lang hatte und unbedingt auf die Platte bringen wollte. Was mich betrifft, habe ich schon immer sehr kritisch zugehört, hatte schon immer ein Produzenten-Ohr und komme dann ins Spiel, indem ich sage, wie ich es gerne hätte, wie es klingen soll und wie es mit den Drums abläuft etc. Und ja, wir lassen unseren Fantasien einfach freien Lauf und somit ist es eine sehr freie Umgebung - ob es jetzt um's Songwriting oder Recording geht. Es geht uns darum, den Moment zu geniessen, loszulassen und einfach Spass zu haben.

Eine bemerkenswerte Angehensweise.
B: Ja, das ist es wirklich.

Amanda, die Leute halten dich für eine interessante Mischung zwischen Tori Amos und Kurt Weill... Wie denkst du darüber?
A: Na ja, ich fühle mich viel mehr geschmeichelt von dem Kurt Weill-Vergleich (lacht).
B: (hebt Stimme) WOMAN IN PAIN!
A: Ja, ja, sie ist auch eine Woman-In-Pain. Na ja, ein paar ihrer Werke sind noch gut, aber ich mag sie ansonsten nicht so. Ich habe ein bisschen ein Problem damit, dass ihr Zeug zum Teil sehr feminin ist - kann damit nicht so viel anfangen.
(Es folgt ein langer Disput zwischen Brian und Amanda darüber, ob Tori Amos nun gut ist oder nicht.)

Gibt es denn weibliche Musikerinnen, die du magst?
A: Hhm, ja! Ich liebe Björk - sie ist einfach brilliant - ich liebe die Yeah Yeah Yeahs - genial, total punk-rocking cool - und Regina Spektor, eine brandneue Künstlerin aus New York, die mit uns aufgetreten ist.

Könnt ihr uns bereits etwas über das neue Album sagen?
A: Ja. Es wird gut. (lacht)
B: Das ist alles, was wir sagen!
A. Nein, im Ernst. Wir haben bereits über 20 Songs, von denen wir auswählen können und es gibt wirklich genug Material. Wir arbeiten auch mit einem tollen, neuen Produzenten und sind wirklich sehr aufgeregt. Ich denke, wir werden das Album diesen Sommer aufnehmen.

Habt ihr je überlegt, mehr Mitglieder zur Band hinzuzufügen?
B: Wir haben daran herumexperimentiert in der Vergangenheit und manchmal holen wir für den einen oder anderen Song noch einen Gastmusiker dazu, aber indem wir das Duo beibehalten, behalten wir auch die Chemie sehr viel konzentrierter. Wenn andere Mitglieder hinzukommen würden, könnten wir uns nicht mehr so intensiv aufeinander konzentrieren und das ist ein sehr wichtiger Teil unserer Musik - die direkte Verbindung zwischen uns beiden.
A: Ja, diese Verbindung ist wirklich das Hauptelement, weshalb die Live-Show so cool ist, denn es ist wirklich sehr intensiv. Wenn wir mehr Instrumente hinzufügen würden, würde die Intensität automatisch abnehmen.
B: Ja, das kann es. Man hat aber auch viel weniger musikalischen Freiraum.
A: Ja, das stimmt. Er ist sozusagen die Stimme der Band. Es gibt ja sonst nur noch das Piano und somit bleibt sehr viel Raum.
B: (hebt die Stimme wieder wie ein kleines Kind) Ja, es ist, wie wenn man ein Chocolate Sunday macht! Wenn man nur Eis und Schokoladensauce hat, kann man was ganz Leckeres zaubern, aber wenn man noch Nüsse und Kirschen und Zeugs hat, wird es einfach zu unübersichtlich!
A: Da muss ich dir widersprechen! Ich denke, man sollte fucking alles da reinschmeissen. (Brian lacht)

Seht ihr euch eher als Schauspieler oder Sänger? Oder beides.
B: Be-e-e-ides!
A: Ich sehe mich als Performerin.

Wo seht ihr euch in zehn Jahren?
A: Kalifornien.
B: Venedig. Ich werde zurück zu meinem Heimatplaneten gehen.
A: Ich will die erste Band sein, die auf dem Mond spielt.
B: Ach was, die ganze Mondsache ist sowieso Schwachsinn.
(beide beginnen, durcheinander zu reden)
A: (lacht) Brian denkt, die Mondlandungssache sei erfunden. HAHA!!
(Brian will was sagen, doch Amanda prustet lost.)
B: Nein, äh, hallo!!!
A: HAHA, er denkt auch, dass es sogar Leute gibt, die im Zentrum von New York wohnen. (lacht)
B: (...) nein, es gibt Leute, also nicht nur Leute, (schreit) HALLO, HÖRT MIR ZU, LEUTE!!!
(Amanda lacht ihn aus und Brian schreit weitere, unerkennbare Dinge ins Diktiergerät. Ein V-Effekt?)
A: Ah, beruhige dich, Schätzchen. Wir hatten einen anstrengenden Morgen. Nicht wahr, Liebe? Juh-huuu-huuu!!
B: Ok, wo waren wir stehen geblieben? Ah, wo wir in 10 Jahren sein werden. Also wenn alles so läuft, wie es geplant ist, werden wir es so machen wie The Blue Man Group und gar nicht mehr auftreten müssen und es wird einen Brian und eine Amanda in jeder Stadt geben. (lacht)
A: Also ich hoffe, wenn ich 38 bin, werde ich meinen Terminplan endlich unter Kontrolle haben und nur dann auftreten, wenn ich wirklich will und kleine, künstlerische Projekte machen.

Cool. Na ja, wir werden ja sehen, was dann sein wird. Ok, das wär's auch schon. Vielen lieben Dank für eure Aufmerksamkeit und die Zeit. Wünschen euch eine coole Show heute Abend.